Affenfett für alle!


Tellergericht nach Art des Hauses
Mahlzeit, wem es noch schmeckt

Mein Großvater, immerhin im vorletzten Jahrhundert geboren, pflegte im Zusammenhang mit der Verwendung von Margarine in der bürgerlichen Küche gern den Begriff „Affenfett“ fallenzulassen. Diese nicht ganz ernstgemeinte Bezeichnung zu recyclen, liegt mir heute, nicht nur aus Anerkennung von Opas Weitsicht, näher als je zuvor.

Als vierjähriger Junge war ich zum ersten Mal auf dem Bauernhof; einem, der sich ausschließlich auf Eier- und Geflügelproduktion spezialisiert hatte. Erinnern kann ich mich an einen dunklen, langgestreckten Bau, in dem – unter Höllenlärm – reihenweise Regale aus Drahtgitterkörben standen, in denen die Hühner zu produzieren hatten, was ihr Leben herhielt. In den siebziger Jahren waren Legebatterien, wie sie heute von Tierschutzorganisationen wie BUND, PETA & Co. verdammt werden, gelebte Normalität. Ein Ei gab es für 15 (Lebensmittelhändler) bis 25 Pfennig (im Direktvertrieb aus dem Eierladen des Bauern). Heute, knapp vier Jahrzehnte später, hat sich daran, außer dem probaten und korrekten Trend zu Bio, doch im Grunde kaum etwas geändert.

Was wir heute essen, können wir besuchen, theoretisch zumindest auf Google Maps, mit der Verpackung einscannen und kommentieren, Fan werden und – wie überraschend – dank mehr oder minder profunder Anleitungen von Henssler bis zu Witzigmann selber kochen.

Doch die Selbstverpflichtung zur Qualität seitens der aktiv involvierten Funky Food Bunch aka Lebensmittelindustrie: Fehlanzeige. Kleine Ehrenrettung: Es gibt sie sicher, die ehrlichen Produzenten – quer durch die Branche und vorwiegend im Mittelstand, wo seit Generationen mit Tradition produziert wird statt Baukasten-Nahrung, die Hauptbestandteile zerlegte Grundnahrungsmittel sind, die mit zahlreichen Emulgatoren und Stabilisatoren in naturidentische Situation zurück montiert werden.

Dabei betrifft der Pferdefleisch-Skandal ganz und gar nicht nur die Hersteller. Allein die sechs einkaufenden und anbietenden Handelsriesen Aldi Nord, Aldi Süd, EDEKA, Lidl, REWE / METRO Cash & Carry sowie Kaiser’s Tengelmann bilden mit ihren Lebensmittelmärkten und Discountern die Schnittstelle zum Verbraucher.
Dabei scheinen gerade die Großen möglicherweise nicht in der Lage, Lebensmittel, trotz Bekundungen, geprüft und sicher in die Regale stellen zu können. Warum?

Flankiert werden die sekundären Nahrungslieferanten von Verbrauchern, die den Realitäten der wahren Produktion von Lebensmitteln nicht ins Auge sehen wollen oder können. Fleischhaltige Tiefkühl-Speisen, Fischprodukte – alles für 1,99 Euro, Burger und Döner für knapp 1 Euro, Backwaren für unter 10 Cent – wieviel weniger geht noch?

Vielmehr kitzeln Marketingverantwortliche mittels Breitseiten á là „Ich bin doch nicht blöd“ das Letzte aus eben jenen Konsumenten heraus, die den Wettbewerb mit ihresgleichen im sozialen Umfeld mehr schätzen, als eine nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen. Etwas im Supermarkt billiger bekommen zu haben, scheint gesellschaftlich anerkennenswerter, als sich etwa eine grüne Kiste nach Hause liefern zu lassen. Oder einen Liter faire Milch für den Bürokaffee zu kaufen statt die billige.

Da scheinen selbst mediale Prime-Time-Aufräumaktionen nicht zu helfen, wie kürzlich der Versuch des ZDF, mithilfe des Spitzenkochs Nelson Müller mal zu checken, ob Bio aus dem Discounter schlechter sei als vom Wochenmarkt. (Fazit: Nö. – Focus Online sah den Ansatz anders, weil er der Focus Online ist.)

Der schnelle Schokoriegel von der Tanke enthält Palmfett? Kein Problem. Borneo, heute ohne Regenwald hängt damit zusammen? Achso. Orang-Utans stehen am Abgrund? Die kann ich doch im Zoo der Stadt besichtigen.

Die gewählte Politik, wahrscheinlich die gleiche, die unter anderem ernsthaft überlegt, wie sie gesonderte Überlandleitungen für Ökostrom von Offshore-Gebieten in bajuwarische Gefilde verlegt, ruft nun nach – verstärkten – Kontrolle (Schattenmorellen, yeah!) und plumpem Lobbyismus pro Industrie: Rauf mit den PReisen (sic!). Diese finden ohnehin täglich statt. Im Ergebnis bedeutet das: Es wird noch mehr Fremdfleisch auftauchen, soweit es die genetische Identifikation hergibt.

Was beruhigend ist: Die Diskussion wird in zwei bis vier Wochen beendet sein, das mediale Interesse sich wie bei schlappen Sprossen wieder legen.

Und weiterhin werden viele nicht wissen wollen, was sie wirklich essen: womöglich längst Algen, Walknochen – oder Affenfett.

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