Die Zeit heilt alle Wunden – besonders die von Guttenberg


Karl-Theodor zu Guttenberg

Der Abgang war von Schimpf und Schande begleitet: Im März 2011 Jahr trat Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg von seinem Amt als Bundesminister der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland zurück, nachdem aufgeflogen war, dass er seine Promotionsarbeit zum nachträglich aberkannten Doktortitel der Rechtswissenschaft vorsätzlich von anderen Veröffentlichungen abgeschrieben hatte.

Nun trat er medial wahrgenommen erstmals wieder öffentlich auf – im fernen Kanada bei einem Plenum für Sicherheitsfragen, dem Halifax International Security Forum. Während einer Debatte zur Finanzkrise äußerte er sich pessimistisch zu den aktuellen Entwicklungen in Europa, indem er von einer „Krise der politischen Führung“ in der Europäischen Union sprach. Dies passt kommunikativ ideal: Inhaltlich passend zu seinem zuletzt verantworteten Bereich, fokussiert transatlantisch, weil es so schön dem „Mir san mir„-Selbstverständnis geschmackvoll staffierter Herrenclubs der nordwestlichen Hemisphäre entspricht und eben dosiert zur konsequenten Flankierung des erscheinenden Buches.

Wie bitte?! In der Tat: Giovanni di Lorenzo, seines Zeichens Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT und Moderator der „3 nach 9“ Talkshow für gesunde Halbbildung, von Radio Bremen, hat ein Buch über Guttenberg, vielmehr: mit Guttenberg in Interviews verfasst. Das ist kaum überraschend, war es doch di Lorenzo, der Guttenberg bereits in der Phase vor dessen Rückzug quasi ein mediales Freiticket ausstellte – Zitat:

Mit seiner Befähigung als Minister hat die Dissertation aber nichts zu tun. Die Aussicht jedoch, dass jeder, der ein politisches Amt bekleiden soll, auch sein Vorleben auf jeden Makel durchleuchten lassen muss, ist nicht nur abschreckend, sie ist weltfremd.

Es liegen mehrere Anzeichen auf der Hand, die auf den bevorstehenden Aufstieg reloaded einzahlen:

  • Der taktische klug formulierte Titel ob der Wirkung „Vorerst gescheitert„. Weinerlich nur im ersten Anklang, jedoch in der Gesamtheit absolut zielstrebig und fordernd.
  • In den ersten Tagen seit dem Start zeichnet sich bereits das Potential für einen Spitzenplatz auf den vorweihnachtlichen Bestseller-Listen der Buchverkäufe ab.
  • Die Staatsanwaltschaft Bayreuth hat das Verfahren gegen Guttenberg eingestellt. Strafrechtlich betrachtet ist die Angelegenheit damit soweit erledigt.
  • Eifrige CSU-Parteifreunde wünschen sich offenbar nichts inniger als eine Rückkehr des einst so populären Adligen und können dies nun auch wieder öffentlich äußern: „Er gehört zu uns, wir wollen ihn“, sagte der Ministerpräsident von Bayern.
  • Für ein günstiges Guttenberg-Comeback verfügt Zeit-Chefredakteur über ein Idealszenario. War doch auch die von ihm co-moderierte Freitagabend-Talksendung einst eine Fernsehbastion eines neo-kritischen Bildungsbürgertums mit Spät-68er Attitude wider dem aufkeimenden Kommerz in öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern der achtziger und neunziger Jahre. Nun kann in dem medialen Umfeld eine Art Politik-Greenwashing mit Trojanisches-Pferd-Funktiongeschehen – qua der Rolle als Meinungsbildner.

Doch denkt da jemand: Gibt es für einen (ex-) Bundespolitiker einen glaubwürdigeren, massenwirksameren Weg, als mittels einer linksliberalen Über-Zeitung wie der ZEIT die Comeback-Strategie umzusetzen als diesen?
Ich meine schon: Nämlich sich brav (wieder-) wählen zu lassen, gute Arbeit für die Auftraggeber, das Volk, kontinuierlich aufs Neue zu initiieren und ergebnisorientiert zu erledigen und sich schließlich glaubwürdige, unverfälschte Anerkennung zu verdienen. Und zwar in mehr als einem Anflug von Demut über die Zeit sowohl im sichtbar-tauglichem Plenem und in nicht wahrgenommenem, aber arbeitsamen Parlamentsausschüssen als auch, yeah!, im heimatlichen Wahlkreis.

So wage ich eine Prognose: In zwei Jahren, sagen wir im Anfang 2013, wird Guttenberg sich zurück platziert haben, dank freundlicher Unterstützung aller Medien und des Zeit-Chefredakteurs, dessen Supposed-to-be-Bestseller, nach ausverkauften Lesereisen von Winter bis Frühjahr 2012. Dazu wird es nicht mal des Überraschungsgastes Guttenberg himself in den Metropolen-Buchhandlungen bedürfen. Ja, und die Springer Medien, allen voran Fanzine BILD Zeitung und gleichfalls meist wohlgesonnenene WELT werden sich über das Motiv der Integrationsfigur hierfür womöglich inhaltlich an den linkskonservativen Rand – für Kenner: die Mitte – herangearbeitet haben. Und viele Monarchisten und ähnliche Symbolfigur-Hungrige ein wahlweise langersehntes, für andere eher überflüssiges Hebel-Werk im Regal stehen haben (immerhin bedeutet das die erste Idee für ein Weihnachtsgeschenk).

Und irgendwie hat die Zeit dann womöglich doch alle Wunden geheilt, auch ohne Doktor.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s